EINE REISE ZU NOCH MEHR GLÜCK

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Noch mehr Glück? Geht das? Wenn Du es einfach findest?


Vor 16 Jahren kam ich „zufällig“ auf einem Trekking in ein weit abgelegenes Dorf im indischen Himalaya auf 4600 Metern Höhe. Ein kleines Dorf mit ehemaligen Tibetern und einer kleinen Primarschule. Die Schulzimmer waren leer – ohne Schulmaterial.


Ladakh ist ein ehemaliges Königreich, eingebettet zwischen den beiden höchsten Bergketten der Welt: dem Himalaya im Süden und dem Karakorum im Norden. Der Schulbesuch ist in ganz Ladakh freiwillig.

 

Bei mir zu Hause lagerte Montessori-Material, das ich nicht mehr benötigte. Nach der freudigen Einwilligung des einheimischen Councellors (Dorfvorstehers) führte mich meine Reise ab 2010 jeden Sommer mit einem Koffer voll Montessori-Material in das Dorf Lingshed auf 4600 Metern Höhe – also auf der Höhe des höchsten Schweizer Gipfels, der Dufourspitze (VS). So konnte ich die Lehrerinnen und Lehrer in den Montessori-Unterricht einführen.

Die Lehrpersonen und die Kinder lieben das Material. Die Italienerin Dr. Maria Montessori (1870–1952), die das Montessori-Material gemeinsam mit ihrem Sohn entwickelte, gründete während ihres 30-jährigen Aufenthaltes in Indien zahlreiche Montessori-Ausbildungsstätten.
Neu im Unterricht in Ladakh ist heute das Fach „Debattieren“, eine alte tibetische Kunst. Sie gilt in allen Traditionen des tibetischen Buddhismus als eines der wichtigsten Bildungsinstrumente.

Debatte ist eine erweiterte Form der Argumentation. Ihr Ziel ist es, die Fähigkeit zu entwickeln, aus beiden Positionen rational und mit gleicher Leichtigkeit zu diskutieren.


Beim Debattieren werden komplexe Gesten und kraftvolle Bewegungen eingesetzt, von denen jede eine tiefe symbolische Bedeutung trägt: Die rechte Hand steht für geschickte Mittel wie Mitgefühl, die linke für Weisheit und das Klatschen beider Hände symbolisiert die Vereinigung von Methode und Weisheit.


Was mich in Ladakh erwartete, überraschte mich tief. Die Winter sind eisig kalt, mit Temperaturen bis minus 30–40 Grad Celsius. Seit rund 2000 Jahren wachsen hier keine Bäume. Es gibt kein Holz – nur begrenzt getrockneten Yakdung und einige dürre Stauden, mit denen Feuer zum Kochen gemacht wird. Die Hauptnahrung ist Gerste, die hier auf 4600 Metern Höhe wächst. Nur was bewässert wird, gedeiht.


Strassen gab es bis vor kurzem nur wenige, im Winter sind die meisten gesperrt. Wie kann man hier überleben? Und doch strahlen die Menschen, die mir hier begegneten, Zufriedenheit, Güte und Glück aus. Sie sind gastfreundlich, teilen alles, was sie haben – untereinander und mit mir. Tiefe Religiosität durchdringt jeden Bereich ihres Lebens.


Der Kinderwunsch wird seit jeher den Gerstenfeldern angepasst. Meistens hat eine Familie zwei Kinder. In dieser steilen Hochgebirgswüste können die Ladakhis in der Regel höchstens zwei Felder bewirtschaften. Grosseltern helfen selbstverständlich bei der Feldarbeit mit.
Salat oder Früchte gibt es nicht nur wenig. Gemüse erhält man nur in der Hauptstadt Leh, die früher ausschliesslich im Sommer erreichbar war.

Vor 16 Jahren erreichte ich die Hauptstadt im Sommer erst nach fünf Tagesmärschen mit Zelt und Verpflegung und anschliessender langer Busfahrt. Es gibt kein fliessendes Wasser in den Häusern, keine heisse Dusche. Erst im Jahr 2024 konnte ich zum ersten Mal während innerhalb eines Monats regelmässig warm duschen. Selbst der Dorfvorsteher verfügt bis heute über kein fliessendes Wasser, geschweige denn über eine Dusche.

Und wir? Wir sorgen uns um Vitamine, frieren bei 19 Grad Zimmertemperatur, duschen täglich, besitzen alles Mögliche – und sind oft dennoch nicht wirklich glücklich.In Ladakh verstand ich plötzlich, dass ich hier etwas unendlich Wertvolles für mein eigenes Leben lernen durfte.

So wurde ich reich beschenkt von Menschen, die mit uns auf diesem Erdball leben. Ich konnte sie mit Unterricht und Material unterstützen, doch das grösste Geschenk gaben sie mir: Liebe, Bescheidenheit und Glück. Für mich war dies Heilung im höchsten Mass.

Eine besondere Persönlichkeit ist Sonam Wangchuk, Primarlehrer in Ladakh (www.secmol.org). Er erkannte vor 37 Jahren, dass Bergkinder nicht die gleichen Examenresultate erzielen konnten wie Stadtkinder in Indien. Daraufhin gründete er ausserhalb von Leh eine Privatschule für Jugendliche, die weiterführende Schulen besuchen wollten.
Er ist zudem der Erfinder der Ice-Stupas (siehe www.glaciersalive.ch/projekt-ice-stupa/), ein Projekt, das heute auch von der Hochschule Luzern unterstützt wird. Im Schulgarten installierte er ein Gewächshaus, das mit Hilfe von Salzwasser gefüllten PET-Flaschen beheizt wird.

Rund 80 % der Bevölkerung sind Buddhisten. Immer wieder gehen und fahren sie von weither zu Fuss nach Leh, um den dreitägigen Belehrungen von H. H. dem Dalai Lama zu lauschen.
Bilder unten: Klosterfeste sind Höhepunkte im Alltag – es wird gefeiert, gebetet, gelacht, gegessen und ausgetauscht.

Begegnungen auf dem Trekking


Auf unserem zweiwöchigen „Saphire Trek“, einer ehemaligen Trans-Himalaya-Handelsroute zwischen Zanskar und Kishtwar, zelteten wir eines Abends mit unseren Trägern in einem einsamen Tal auf 4000 Metern Höhe. Mein Schweizer Kollege Roger und ich erkundeten noch einen breiten Bach, den wir am nächsten Tag überqueren mussten. Er war nicht hoch, aber eisig kalt und hatte eine starke Strömung. Barfuss wagten wir die Überquerung. Als ich die andere Seite erreichte, hatte ich bis über die Oberschenkel keinerlei Gefühl mehr. Roger erging es ähnlich. Doch wie sollten wir zurückkommen? Keine Brücke, keine Behausung, kein Mensch weit und breit. Auch Roger konnte mich nicht tragen. Wir suchten lange – vergeblich.

Plötzlich stand aus dem Nichts ein grosser, hagerer Mann mit langem rötlichem Bart und Turban vor uns. Woher kam er? Er deutete auf seinen Rücken und dann auf mich. Roger nickte nur: „Was willst du sonst?“ Ich klammerte mich an seine schmalen Schultern – fast kein Körper darunter. Mit Hilfe seines Holzstabes trug er mich, wie der heilige Christophorus, sicher über den Bach. Ich wollte ihm danken: Took jay shey! Doch ausser ein paar getrockneten Aprikosen hatte ich nichts dabei. Geld lehnte er ab. Dann verschwand er so plötzlich, wie er erschienen war.

„Weisst du, wie das geht?“, fragte ich Roger. „Solche Menschen sind hinduistische Sadhus“, meinte er. Ich wusste nicht, dass es solche Menschen gibt. Ich hatte geglaubt, so etwas gäbe es nur bei Engeln oder Meistern – oder durch die Kraft unserer Gedanken und Gefühle.


Drei anspruchsvolle Tage später erreichten wir nach langen Etappen über Gletscher und Spalten den höchsten Pass unseres Trekkings. Unsere sechs Träger warteten bereits. Der Älteste, Aba-le – wir nannten ihn liebevoll unseren Papa – trug mit 60 Jahren Lasten von rund 45 Kilogramm über 5500 Meter hohe Pässe, genauso wie die Jüngeren.

Oben auf dem Pass machte er einen Handstand, während Roger und ich mit der dünnen Luft kämpften. Das sei seine tägliche Übung, erklärten die anderen. Als Proviant trugen die Träger lediglich Tsampa – geröstetes Gerstenmehl –, das sie mit Wasser zu kleinen Kugeln formten.

Bevor die Zelte aufgestellt wurden, begrüsste Aba-le die anwesenden Naturwesen mit einem Tanz und Gebetsgesang. Zum Abschied zauberte unser Koch einen feinen Kuchen – gebacken in zwei ineinander gestellten Pfannen über dem Feuer.

Was für Begegnungen in so wenigen Tagen! Mögen diese Menschen, ihre Kultur und ihre karge Lebensweise geschützt und wertgeschätzt bleiben.


Kontakt & Unterstützung


Wer eine „Reise zu noch mehr Glück“ plant, kann sich gerne bei mir melden. Auch für Informationen zu Land und Leuten, buddhistischen Klöstern oder Trekkingreisen mit einem erfahrenen einheimischen Führer stehe ich zur Verfügung. Mitte Juni 2026 bin ich erneut für mehrere Wochen in Ladakh.
Wer einzelne Familien mit einem kleinen Beitrag unterstützen möchte – etwa zur Abdichtung eines Flachdachs oder zur Ausbildung einer jungen Ladakhi-Frau zur tibetischen Amchi-Naturärztin. 

Jeder Franken hilft und ist herzlich willkommen. Auch die Einnahmen aus meinen Wildkräuter-Kursen und anderen „Berg-Mystik“-Angeboten 2026 fliessen nach Ladakh.


Autorin

Elisabeth Nigg

Berg-Mystik Wanderungen, ein- bis mehrtägig | Wildkräuter- Kenntnisse | Montessori-Pädagogin| Klangschalen-Auflegen

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