Ich bin Psychomotorik­therapeut – was ist das?

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Spiel und Bewegung, eine ganzheitliche Form zu lernen

Obwohl im Titel so benannt, sind Psychomotoriktherapeuten leider dünn gesät. Dies bedauere ich sehr! Es handelt sich vor allem um einen Frauenberuf, daher werde ich im Folgenden vor allem in der weiblichen Form schreiben. Aber natürlich sind die wenigen Männer in der Berufslandschaft immer mitgemeint.

Um den Beruf der Psychomotoriktherapeutin zu definieren, möchte ich mit einer Aussage beginnen, die ich vor einigen Jahren in einem Interview mit einer Psychomotoriktherapeutin der ersten Generation, in der Schweiz im Jahr 1972, gelesen habe: „Es kommen Kinder in den Therapieraum mit Spiel- und Bewegungsangeboten, und mit dem, was dann geschieht, muss ich einen Umgang finden“. Im Idealfall ist das, was im Raum geschieht, nicht beliebig, sondern förderlich für die Entwicklung der Kinder und der Therapeutin.
Für mich ist damit das Wichtigste dazu eigentlich schon gesagt. Dennoch versuche ich noch etwas mehr Fleisch an den Knochen, bzw. vegan mehr Salat in die Schüssel zu schreiben.

Zunächst eine kurze Analyse des Begriffs Psycho-Motorik-Therapie.
Es handelt sich um eine Therapie, die davon ausgeht, dass die Psyche und die Motorik miteinander in Verbindung stehen. Die Entwicklung der Psyche ist ohne Motorik (Bewegung) deutlich erschwert, und umgekehrt wird unsere Motorik von den Vorgängen in der Psyche beeinflusst. In diesem Sinne ist der Begriff Psychomotorik verwandt mit dem geläufigeren Begriff Psychosomatik aus der Medizin.

Dazu ein konkretes Beispiel aus meinem Berufsalltag als Psychomotoriktherapeut:
Ein Kind kommt zu mir, weil es in der Schule durch eine Selbstwertproblematik auffällt. Es traut sich wenig zu, sagt oft «das kann ich nicht», verweigert viele Aufgaben und spielt in der Pause kaum mit anderen Kindern. Ich begleite das Kind im Einzelsetting und folge in der Anfangszeit vorwiegend den Spielimpulsen des Kindes, die noch zögerlich und zurückhaltend sind. Mit der Zeit, etwa nach zehn Therapiestunden, kommen die Spielwünsche und die Eigeninitiative des Kindes schneller und deutlicher zum Ausdruck. Es spielt gerne selbsterfundene Geschichten mit Stofftieren, in denen das Stofftier, mit dem ich spiele, oft totgebissen wird. Zum Abschluss der Stunde liegt es gerne in der Hängematte und möchte geschaukelt werden.

Ich beginne die Spiele des Kindes zu erweitern. Die Hängematte hängt nun etwas höher, das Kind muss eine Leiter hochsteigen, um hineinzukommen. Das bereitet ihm zwar etwas Angst, nimmt es aber in Kauf, weil es geschaukelt werden möchte. Ich schlage vor Geschichten nicht mehr mit den Stofftieren zu spielen, sondern sie selbst zu verkörpern. Das Kind wird oft zu einer Raubkatze, die mich – sie dürfen dreimal raten – meistens «totbeisst».

Ich mache es dieser Raubkatze zunehmend schwieriger mich zu erwischen, indem ich mich in den dunklen, niederen Estrichgängen unseres Therapieraumes (im Dachstock) verkrieche, irgendwo hochklettere oder mit der Raubkatze kämpfe, mich zur Wehr setze.

So geht unser Prozess über einen Zeitraum von einem halben Jahr weiter. Dann nehme ich das Kind in eine kleine Gruppe mit drei anderen Kindern auf. Doch diesen Prozess führe ich hier nicht mehr aus.

Ich übersetze den oben beschriebenen Verlauf noch in psychomotorische Fachsprache: Am Anfang steht der Aufbau einer vertrauensvollen und tragfähigen Beziehungsstruktur, die den unsicheren Bindungsstil des Kindes etwas abfedert. Ich folge dem Kind in seinen Impulsen, das ermöglicht ihm Selbstwirksamkeit zu erleben, was sich positiv auf sein Selbstkonzept (Selbstvertrauen, Selbstwert, Körperschema und Körperbild) auswirkt.

Anknüpfend an das, wovon das Kind von sich aus begeistert ist, erweitere und erschwere ich das Spielgeschehen mit Bewegungserfahrungen, die etwas ausserhalb des Erfahrungsschatzes und der Komfortzone des Kindes liegen. Hier muss «etwas» betont werden, denn schnell kann es «zu viel» werden, und das Kind lernt wenig Förderliches.
Dadurch werden im Hirn spielerisch neue Netzwerke geknüpft, die die grosse Chance haben, die bereits vorhandenen Angstnetzwerke zu überschreiben. Das Kind soll dann das neu Erfahrene in einer Peergruppe erproben und verankern.
Der Effekt? Das Kind verweigert viel weniger Lernerfahrungen in der Schule, sagt kaum mehr «das kann ich nicht» und spielt auf dem Pausenhof auch mit anderen Kindern. Das ist dann mein Lohn in der – ich muss es zugeben – anstrengenden, jedoch spannenden Arbeit.

Ich fasse das übergeordnete Schema noch mal zusammen.
Bewegungserfahrungen werden in der Psyche als Repräsentationen abgelegt. Und Repräsentationen in der Psyche beeinflussen die Bereitschaft für Bewegungserfahrungen.

Wenn in der Psyche günstige Repräsentationen (ich bin in Ordnung, fühle mich geliebt, habe verlässliche, tragfähige Beziehungen usw.) abgelegt sind, dann entwickelt sich ein positives Selbstkonzept (Selbstvertrauen, Selbstwert, Körperschema und Körperbild), andernfalls umgekehrt.

In der Schweiz ist die Psychomotoriktherapie als pädagogisch-therapeutisches Sonderschulangebot im Schulsystem integriert.

Es handelt sich um ein vom Kanton finanziertes Angebot, das die Eltern der Kinder nichts kostet. Darum kommen in der Schweiz vorwiegend Kinder im Alter von 5-16 Jahren in den Genuss dieses Angebotes.

In anderen Ländern ist die Psychomotoriktherapie auch im Erwachsenenbereich verankert,
was eigentlich Sinn machen würde. In der Schweiz ist es möglich, jedoch muss es selbst bezahlt werden.

Zum Schluss dieses Beitrages noch ein persönliches Statement: Die Psychomotoriktherapie ist ein kindgerechter, menschengerechter Ansatz, aber es ist auch nur ein Ansatz.
Es handelt sich um ein Fachgebiet, das aus der Praxis entstanden ist und sich auf andere Wissenschaften bezieht, vorwiegend Psychologie, Neurobiologie, Medizin, Heilpädagogik, Pädagogik. Wie bei allen Angeboten in unserer Welt lebt auch die Psychomotoriktherapie von dem Menschen, der es anbietet. Im Idealfall hat sich die Therapeutin mit sich selbst tiefgreifend auseinandergesetzt, kennt ihre Sonnen- und Schattenseiten und muss sie nicht mehr auf ihr Gegenüber übertragen. Dann erst ist die Therapeutin nämlich in der Lage, ihr Gegenüber in die eigene Sonne zu begleiten. Ich möchte damit nicht sagen, dass nur eine Meisterin den Beruf ausüben sollte. Erfahrungsgemäss helfen nämlich erst die Kinder den Therapeutinnen Meisterinnen zu werden. Die Psychomotoriktherapie ist dadurch ein Gewinn für beide Seiten. Das ist doch wunderbar!

Autor

Moritz Schneiter

Körpertherapie & Massage / Heilbehandlung / Intuitives Theater / Psychomotoriktherapie / Beratung

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