Die Zahl auf der Waage

Bildschirmfoto 2024-04-25 um 17.51.03

Vom Körpergewicht zur Selbstliebe

GEDANKEN von Andrea Heurteur

 

Jede und jeder von uns denkt bei ‚Körper‘ an etwas anderes. Ich denke an Zahlen: die Zahl auf der Waage, den Body-Mass-Index, Kalorien und an eine gewisse Anzahl von Schritten. Es ist verrückt, innerhalb einer Generation hat sich unser Verhältnis zum eigenen Körper stark verändert. Meine Oma hat garantiert noch nicht an Zahlen gedacht.

Meine Oma wurde 1905 geboren und war 1,58 m groß oder klein. Sie wog die meiste Zeit ihres Lebens so um die 80 kg. Als sie vier Jahre vor ihrem Tod nur noch 70 kg wog, machte sie sich Sorgen und machte Witze: „Wenn ich weiterhin so abnehme, werde ich richtig gut in die letzte Kiste passen und darin noch tanzen können!“

Meine Mutter wurde 1942 geboren und war die ersten 35 Jahre ihres Lebens richtig dürr. Die ganze Familie atmete regelrecht auf, wenn sie uns mitteilte, dass sie es geschafft hatte, wieder 45 kg zu wiegen. Sie ist 1,62 m groß und hat sich die meiste Zeit ihres Lebens von Brötchen mit verschiedenen Inhalten ernährt. Im Geschäft ging das halt am einfachsten. Und sie hat geraucht – ihr ganzes Berufsleben lang. Als sie aufhörte zu rauchen, zu arbeiten und die Brötchen zu essen, nahm sie zu. Mit 60 Jahren. Die Schlauen unter euch merken nun, dass sie sich wohl auch weniger bewegt hat. Ja, ihr habt recht. Aber sie war nach der Pensionierung erstmals auch für mich und viele andere zu genießen. Sie war ruhiger, zufriedener und glücklicher. Endlich. Nun ist sie 80 Jahre alt und ähnelt rein körperlich ihrer Mutter, meiner Oma, sehr.

Ich wurde 1961 geboren und im Pass steht, dass ich 167 cm groß bin. Irgendwann als junge Frau wog ich mal 54 kg. Das dürfte mein dünnster Zustand auf dem Planeten als Erwachsene gewesen sein. Es gab auch zwei Schwangerschaften in meinem Leben, aber am meisten Fülle erreichte ich mit 16 Jahren. Ich war nur unglücklich, und ich hatte aufgehört Judo zu trainieren. Damals wog ich 85 kg. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich keuchte, wenn ich in die Wohnung im 2. Stock musste.

Es hat mich aber nicht wirklich gestört. Einige waren dicker als ich, und manche waren dünner als ich, ABER unbeweglicher. Ich habe mit meinen 85 kg immerhin noch zwei Schirennen gewonnen. Masse macht auch schnell. Es gibt auch so etwas wie ein Sommer- und Wintergewicht oder Phasen der Lethargie oder Phasen mit mehr Bewegungswillen. Ich habe keine Waage mehr und versuche schon länger, mich meinem Körper ohne Zahlen zu nähern. Was gar nicht so leicht ist. Beweglichkeit und Gesundheit sind im Moment die Zustände, die mich an meinem Körper interessieren.

Meine Freundin, schlank, sitzt mit mir im Café und sagt zum Thema ‚Körper‘: „Meinen Kontostand teile ich dir ja noch mit, aber mein Gewicht erfährst du nicht!“ Das sitzt. Das Tabu ‚Körper‘ ist größer, als ich gemeint hatte. Freundinnen teilen doch alles miteinander!? Sogar Sexgeheimnisse.

Brauchen wir ein Coming-out? Aber was für eines? Das Gewicht als Zahl ist es ja nicht! Ein Coming-out der Entstressung vielleicht? Frauen, die öffentlich sagen, dass ihnen ihr Gewicht egal ist.

Liebe Leserin, lieber Leser, du merkst, dass mir als Frau zum Thema ‚Körper‘ zuallererst unser Gewicht einfällt. Aber nun möchte ich doch noch ein wenig mehr über dieses Fleischklöpschen schreiben, über das Einige sagen, es sei der Tempel, in dem unsere Seele wohnt.

Ich erinnere mich an meine Kindheit, und es hat doch wirklich einige Unfälle gebraucht, bis ich diesen Körper wirklich bewohnen konnte. Ich habe mich verletzt, immer wieder, weil ich mir noch nicht klar war, wie groß dieser Körper ist und was er aushält und was nicht. In der Pubertät dann der Rausch der Geschwindigkeit, das Glück kam ganz rasch, wenn ich etwas wagte und es gelang: rennen, klettern, alles ohne Helm, Wildbäche durchschwimmen. Bei mir stand Schifahren ganz oben (sogar stehend außerhalb der Bindung oder mit verbundenen Augen), Motorrad fahren oder auf der Schaukel abspringen. Es hat so unsagbar Spaß gemacht, und meistens ist es auch gut gegangen.

Mit der ersten Liebe kamen die ersten Pickel, und es begann der Kampf um die Kilos. Die Kleider sahen bei den anderen immer besser aus. Lieber Dr. Sommer, wie geht das mit dem Sex und lieber Dr. Sommer „Bin ich normal?“. Endlich die 80er Jahre, und man konnte auch als Frau oben ohne rumlaufen. In Südfrankreich zum Beispiel, wo die Eltern und Verwandten es nicht erfuhren.

Es war eine Freude, so viele nackte Menschen, die man beobachten durfte. Dann haben wir uns wieder unsere Kleider übergezogen und sind gen Süden bis Portugal per Interrail. Als ich im Krankenhaus gearbeitet habe, wurde mein körperliches Weltbild massiv erschüttert. Ich sah junge, schlanke Menschen, die doch ganz rasch von einem aggressiven Krebs befallen wurden, und ich sah übergewichtige, bewegungsarme Menschen, die sich rasch wieder erholten, von Krankheiten.

Ist unser Körper ein autonomes Wesen oder folgt er doch stets dem Geist und der Seele oder ist es vielleicht umgekehrt? Vermutlich stimmt beides. Extremsportler sagen, dass sie dem Körper Extremes abverlangen können. Und indische Yogis verlassen ihren Körper gleich ganz. Den Körper zu beherrschen klingt für mich nicht sehr attraktiv. Aber wer weiß, was in Extremsituationen alles zusammen spielen kann. Jenseits unserer Vorstellungen.
Langsam wurde es bei mir besser mit dem eigenen Körper. Er wurde eingecremt und auch lieb gewonnen. Zuerst wohl von mir selber. Er wurde verteidigt und beschützt vor fremdem Zugang und gelobt für die Strapazen der Schwangerschaften und dem folgenden Schlafmangel über Jahre.

Es wurde irgendwie sanfter, auch mittels Yoga, bewusster Atmung und Meditation. Die Haut, so scheint mir, zeigt mir am meisten, das Alter. Die Elastizität ist zurückgegangen. Hautpigmente verändern sich. Es wird aber auch schöner im Fleischklöpschen zu wohnen. Friedlicher und das Beobachten wird spannender. Es tut sich irgendwie mehr als früher. Wenn schon die Seele im Klöpschen wohnt, so ist sie eine engere Verbindung eingegangen. Körper, Geist und Seele verschmelzen mehr. Haben einen Friedenspakt geschlossen.

Vergessen ist das Kalorienzählen und vergessen sind Diäten und Ernährungsberatungen. Die Versprechen der Modezeitschriften haben sich als die Falschen erwiesen. Ich trage enge und weite T-Shirts, ganz nach Lust und Laune. Ich habe meinen ganz persönlichen Positivity-Body-Account eröffnet. Demnächst werde ich eine App entwickeln. Willst du sie herunterladen? Jetzt? Was kann die Welt mehr gebrauchen? Frieden vielleicht, und der fängt beim eigenen Körper an.

Andrea Heurteur, schreibt gerne und macht sich gerne Gedanken.

AUSZEITOASE
Kunsttherapie-Meditation-Kurse
auszeitoase-luzern.com
ringana.com/807072

 

Weitere Artikel

HERZÖFFNER

Herzen öffnen für das Anderssein
Mit diesem Buch möchte ich Herzen öffnen – für das Anderssein, für die Vielfalt des Lebens und für das, was uns im Innersten verbindet. Das Buch Herzöffner ist mit viel Herzblut entstanden und liegt mir sehr am Herzen.

Weiter »

GOLDENE MASSAGEREGELN

Gute Massagen geben von Anfang an mit TouchLife
Menschen brauchen Berührung. Mit Massagen kann jede*r im Freundes- und Familienkreis direkt helfen und einander Gutes tun. So sind die „Goldenen Massageregeln“ für all jene gedacht, die eine in Achtsamkeit ausgeführte, harmonische Massage geben möchten und Wert darauf legen, alles richtig zu machen.

Weiter »

Willkommen IN MEINER WELT und Die Reise ZU MIR SELBST

Es freut mich sehr, im Flügelschlag mein Buchset vorstellen zu dürfen. Diese Bücher hatten von Anfang an ihren eigenen Willen und gingen ihren ganz eigenen Weg. Denn ursprünglich hatte ich weder die Absicht noch die finanziellen Mittel, ein Buchprojekt zu realisieren. Doch ich bin schon lange «mit dem Universum unterwegs» – und offenbar hatte es andere Pläne mit mir.

Weiter »

HELLE, RAUHE NÄCHTE

Der längste Tag des Jahres ist mehr als ein Datum – er ist eine Einladung zur Einkehr. In zwölf besonderen Sommertagen wird die Natur zur Lehrerin und erinnert dich daran, wer du bist, jenseits von Rollen, Tempo und Erwartungen.

Weiter »

Bücher zum Entdecken – Ausgabe 10

Es wird sie immer geben, selbst in einer Welt, die von digitalen Programmen und Computersimulationen beherrscht wird – die gedruckten Bücher. Bücher, diese Kunstwerke innerer Welten, sind weit

Weiter »

Messen im Wandel

Neue Perspektiven in der Esoterik- und Gesundheitsbranche
Seit Corona hat sich vieles verändert – auch die Welt der Messen. Was früher selbstverständlich war, musste pausieren, sich neu erfinden oder ganz verschwinden. Besonders die Esoterik- und Gesundheitsmessen erlebten eine Transformation. Doch nun kehren sie mit neuen Ideen, frischem Elan und innovativen Ansätzen zurück. Ein persönlicher Einblick in eine Branche, die mehr bietet, als viele denken.

Weiter »

Seelenbilder – Unsere Persönlichkeit in Farben

In einer Welt, die oft auf das Sichtbare und Materielle fokussiert ist, lenken Seelenbilder den Blick auf eine tiefere Ebene der menschlichen Existenz – eine Dimension, die uns nicht nur mit unseren inneren Kräften verbindet, sondern auch mit der uns umgebenden spirituellen Energie. Doch was genau sind Seelenbilder? Und wie können sie uns helfen, unser wahres Wesen zu erkennen?

Weiter »

Biografische Trancetherapie

Kennst du das? Du sagst Ja, obwohl du Nein sagen wolltest. Du wirst wütend, wenn dich dein Partner um etwas bittet, und fühlst dich unfrei. Angst überkommt dich in bestimmten Situationen, oder du verstummst, wenn Freunde eine andere Meinung haben.

Weiter »

Das Mysterium der 5. Herzkammer

In einer Zeit, die von hektischen Alltagsanforderungen und stetigem Druck geprägt ist, wächst das Bedürfnis nach innerer Ruhe und einem tieferen Verständnis des eigenen Seins. Immer mehr Menschen suchen nach Wegen, sich von äußeren Zwängen zu lösen und in die eigene Mitte zu finden. Das Konzept der „5. Herzkammer“ eröffnet uns hierbei eine tiefgreifende Möglichkeit der Rückbesinnung und Transformation.

Weiter »

KUNST UND LEBEN

Vom Erschaffen und den Lehren der Tiere
Hallo du, schön, dass du diese Zeilen liest. Ich danke dir, Fremde(r) oder Bekannte(r).
Ich sehe dich nicht hinter mir, aber ich möchte dir eines meiner Mottos zeigen, in Tinte gestochen: „Kunst ist Leben“ – und im Umkehrschluss: „Leben ist Kunst“. So sind diese niedergeschriebenen Worte einfach Gedanken über das Leben an sich, für mich und für dich.

Weiter »
Nach oben scrollen